Trotz allem: Am Ende tanzt wieder jeder. In Berlin war es das ganze Publikum auf der 150-Leute-Tanzfläche vor der Livebühne des About Blank" am Ostkreuz. Oben stand in der Nacht zum Sonnabend das Elektro-Trio Brockdorff Klang Labor hinter zwei Synthesizer- und Keyboardwänden, mit drei Mikros und einer Gitarre, ließ Bässe wummern und sang Zeilen wie: Wir lieben den Viervierteltakt, er lässt uns niemals im Stich."
Irgendwann stieg sogar dieser süßliche weiße Disconebel auf, aber eine entrüstete Faust erhob sich die ganze Nacht lang nicht. Und das ist, glaubt man einschlägigen Musikkritikern, eine der spannendsten kommenden Polit-Bands der Stunde?
Ja, ist sie. Denn genau das ist der Witz am Brockdorff Klang Labor: Tanzbares im Tanzclub, sogar einige Fans, die die eingängigen Hooklines beseelt mitsingen aber von textzentrierten Liedermachern ist das Trio ebenso weit entfernt wie von der überbordenden Wut des Punks.
Blick zurück zu Kraftwerk
Die Zeiten, in denen diese Protestkulturen für Aufruhr sorgten sind vorbei, jedenfalls westlich von Moskau und nördlich von Ägypten. Das zeigt nicht nur der Cameo-Auftritt 35 Jahre alter Punkschnipsel der Sex Pistols in Londons Olympiagala vor Augen und Ohren der Queen (The fascist regime" war da was?). Selbst die Urväter des Politpunks, Slime, reagieren hilflos auf die komplexen Krisenzeiten und vertonen auf ihrer ersten CD seit 18 Jahren (Berlin-Konzert am 5.12.) Gedichte des 1934 ermordeten Anarchisten Erich Mühsam. Sind das zeitgemäße Protestsongs?
Als danach das Popmagazin Spex und das Webradio Byte.fm suchten, fanden sie 2011 das Brockdorff Klang Labor und ihre Ballade Festung Europa", auch live in Berlin ein Hit des Abends. Über ein hypnotisches Loop, düstere Synthesizer und tanzbare Beats singt die süße Nadja süße Flirts: Komm näher, wir können so nah sein", sie hält die Hände an den Mund, wie zum Ausrufen einer Botschaft. Was du auch denkst, es ist ein Wert, nicht ein Geschenk." Nicht nur musikalisch wird Kraftwerk zitiert: Europa, endlos", träumt der Song, und bei aller Bass-Kraft klingt das vor allem melancholisch. Wut ist nicht zu hören, jedenfalls nicht unverstellt.
Nur: Wie, wenn nicht mit einer traurigen Ballade über den verblassenden Traum vom Haus Europa soll man anprangern, dass ein Friedensnobelpreisträger zusieht, wie Flüchtlinge vor seinen Stränden ertrinken? Nadja erwähnt in der Ansage, dass in ihrer Heimatstadt Bürgerinitiativen verhindern wollen, dass Asylbewerber in menschlicheren Behausungen wohnen. So hat das Trio, das in den 90ern aus einer studentischen Künstlerkommune entstand, nach Wut und Ironie noch etwas übrig: Solidarität.
Liebeslied und Alltagsblues
Ihr neues, bereits zweites Album Die Fälschung der Welt", das die Band live vorstellte, offenbart das als Teil des Konzepts. Von Punk ist nur noch die Rede, wenn einem traurigen Anhänger dieser Szene zu treibendem Dancefloor zur Flucht geraten wird. Alles ist weniger aggressiv als tanzbar, aber eben auch weniger ironisch als politisch.
Die Rechnung geht auf: Im Club hört man alles als Synthiepop mit 80er-Rückbindung und Anspielungen auf 90er-House. Was die Frontleute Nadja und Sergej abwechselnd singen, funktioniert auch als Liebeslied und Alltagsblues. In Ruhe daheim darf man aber bemerken, dass die Band mit so viel Anspielungen, Zitaten und Assoziationen spielt, dass zwar nicht allein Protestsongs entstehen aber oft genug politische. Und stets moderne: Komplimente lauten In einer Welt voll Nullen bist du eine Eins", Kritik nutzt Internetsprache: Zähl deine Freunde, bewerte mein Lied, sing einen Text, der nichts sagt."
Prächtige Ohrwürmer
Auch wenn die Musiker live jede Anspielung darauf vermieden, liegt auf der Hand, dass all das auch in ihrer Ost-Herkunft wurzelt. Nicht nur, weil die frühen Depeche Mode bei mancher Songprogrammierung durchscheinen, die in der DDR bekanntlich noch größer waren als im Westen. Sondern auch, weil neben 68er-Ikonen wie Guy Debord und Hunter S. Thompson Brecht und Weill und Christa Wolf zitiert werden. So bleibt nach der Befreiung von Zwängen, wie sie die Protestmusik erkämpfen wollte, mehr als nur Party oder Pose. Wir sind so frei so frei, dass wir fallen", haucht Nadja im anderen großen melancholischen Politsong des Abends: 1989" behandelt die Wende in der DDR. Im Refrain wird Deutschland, Deutschland überall" variiert zu Treibsand überall". Und wären Westbands auf Zeilen gekommen wie Das ist kein Befehl: du bist frei"? Hätten sie gerade dieses Lied mit einem geseufzten Vorwärts, und nicht vergessen" beendet?
Brockdorff Klang Labor sind prächtige Ohrwürmer gelungen, zu denen am Ende live auch noch jeder tanzt. Aber man nimmt es ihnen doch ab, es ernst zu meinen, wenn sie einen Song Escapism is over" nennen: Ja, mit uns gibt es Spaß. Aber keine Flucht vor der Realität.
Brockdorff Klang Labor: Die Fälschung der Welt (ZickZack), www.brockdorff.com
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